Leinen

Leinen, Leinwand oder Linnen ist eine Naturfaser, die aus den Bastfasern der Flachspflanze gewebt wird – und das schon seit vielen Jahrtausenden. Damit ist Leinen eine der ältesten Textilnutzpflanzen. Die Pflanze wird auch in Europa kultiviert und es werden selbst bei konventionellem Anbau kaum Pestizide oder Dünger benötigt. Dadurch gilt Leinen als sehr umweltfreundlich. Leider ist die Gewinnung der Fasern aufwendiger als Baumwolle, was Baumwolle noch immer zum vorrangigen Rohstoff in der Textilindustrie macht. Leinengewebe ist allerdings ein stabiler, robuster und atmungsaktiver Stoff, der kaum Bakterien, Schmutz oder Staub auf seiner Oberfläche zulässt. Das macht Leinen gerade für Bettwäsche und Heimtextilien in Allergikerhaushalten interessant. 

Materialeigenschaften

Die glatte Leinenfaser ist sehr reißfest, genau genommen dreimal stärker als Baumwolle. Dadurch ist Leinen langlebig und belastbar und muss nicht wie Baumwolle extra nachgestärkt werden. Leider ist es aufgrund seiner geringen Elastizität aber auch anfällig für Knitterfalten.

Die Leinenfaser ist von Natur aus bakterien- und schmutzabweisend und fast antistatisch. Leinen ist ein weiches Gewebe, das kaum Luft einschließt, und ist daher für Allergiker sehr gut geeignet.

Leinen ist ein atmungsaktives, saugfähiges Gewebe, das bis 35 % Luftfeuchtigkeit aufnimmt und schnell wieder abgibt. Das hat einen angenehm kühlenden Effekt im Sommer, im Winter hält es  gleichzeitig warm.

Leider machen diese schmutzabweisenden Eigenschaften es auch schwierig, das Gewebe ordentlich zu färben. Chemische Färbebindungen lässt die Faser auf natürlichem Wege nicht zu. Nur mit Indigo kann man eine relativ gute Echtfärbung durch Naturfarben erreichen. Dies ist übrigens auch der Grund für die blaue Berufskleidung vieler Gilden und vieler Handwerkerberufe. Heutzutage wird Leinen mit Küpenfarbstoffen oder auf molekularer Ebene mit substantiven Farbstoffen gefärbt.

Verwendung

Heute sind gerade einmal 1 % der produzierten Textilfasern aus Leinen. Etwa 40 % werden davon zu Bekleidung, 45 % zu Haushalts- und Heimtextilien und 15 % für technische Zwecke verarbeitet. Aufgrund der atmungsaktiven Eigenschaften wird viel Sommerkleidung aus Leinen produziert, daneben ist das Material als Haushaltswäsche für Küchenhandtücher und Bettwäsche sowie Wohntextilien, z. B.  Tischtücher, dichte Vorhänge und Bezüge sehr beliebt.

Die technischen Fasern und Kurzfasern werden für Dämmstoffe in Form von Matten, Platten oder Stopfwolle verwendet oder kommen als Verstärkungsfaser in Verbundwerkstoffen zum Einsatz, zum Beispiel in der Automobilindustrie.

Pflegehinweise

Leinen ist recht unproblematisch in der Textilpflege. Es hält hohen Waschtemperaturen stand und  kann ohne Bedenken mit Waschlaugen oder herkömmlichen Waschmitteln ausgekocht werden.

  • In der Maschinenwäsche sollte Leinen immer im Schonwaschgang mit kurzem Schleudergang gewaschen werden. Denn es reagiert empfindlich auf Reibung und verträgt daher kein Scheuern per Hand oder im Normalwaschgang der Maschine.
  • Gegenüber der chemischen Reinigung ist Leinengewebe unempfindlich.
  • Chemisches Bleichen sollte unterlassen werden, denn das Gewebe verliert dadurch an Gewicht und Stabilität. Bleichen durch Sonnenlicht ist unbedenklich.
  • Den nassen Leinenstoff an der Luft hängend trocknen. Niemals in den Wäschetrockner geben.
  • Beim Bügeln sollte der Leinenstoff noch feucht sein. Hohe Bügeltemperaturen sind kein Problem. Aufgrund der bereits stabilen Gewebestruktur muss Leinen im Gegensatz zu Baumwolle nicht gestärkt werden.

Herkunft und Entwicklung

Die Verwendung der Flachsfaser für die Textilherstellung reicht weit zurück. Die ältesten gefundenen Flachsfasern sind zwischen 31.000 und 36.000 Jahre alt und das älteste Kleidungsstück aus wildem Flachs ist nachweislich etwa 28.000 Jahre alt. Damit ist Flachs oder Leinen eine der ältesten pflanzlichen Textilfasern.

Bis ins europäische Mittelalter wurde Leinen neben Wolle als Material für Kleidung verwendet. Dank seiner schmutzabweisenden Fähigkeit wurde Leinen bevorzugt für Kleidung verwendet, die nah am Körper getragen wurde. Leider ließ sich Leinengewebe aufgrund dieser Eigenschaft weniger gut färben und dunkle Stoffe aus Leinen waren entsprechend teuer. Da die Leinfaser sehr robust und widerstandsfähig ist, wurden auch Stoffpanzer aus Leinen gefertigt. Bevor Baumwolle in großen Mengen importiert wurde, teilte sich die Textilherstellung bis Ende des 18. Jahrhunderts zu 18 % in Flachs und 78 % in Wolle. Zwar gab es auch noch andere Pflanzen, aus denen sich Textilfasern gewinnen ließen, z. B. Hanf, diese Gewebe waren jedoch weniger hochwertig und wurden allgemein kaum für Kleidung verwendet. Aus dem günstigeren Hanf wurden stattdessen Seile, Segel und andere grobe Tuchwaren hergestellt.

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Leinen zuerst in Amerika und mit wachsenden Baumwollimporten auch in Europa zunehmend durch Baumwolle verdrängt, da sich diese Faser maschinell besser und schneller verarbeiten ließ. Anfang der 1940er bis in die 1970er Jahre war Leinen zumindest in Mitteleuropa kurze Zeit wieder stark gefragt, da der Bedarf nach Textilstoffen trotz geringer Baumwollimporte gedeckt werden musste. Flachs ließ sich auch in Europa anbauen und war daher günstiger und schneller verfügbar. 1980 flog Leinen wieder aus dem Rennen, da zu dieser Zeit Baumwolle wieder in Massen verfügbar war und günstiger produziert werden konnte. Mit den dehnbaren, flexiblen Eigenschaften von Baumwolle und der leichten Färbbarkeit konnte Leinen einfach nicht mithalten. Auch die traditionelle Aussteuer für junge Frauen – ein mehrteiliges Bettwäscheset aus Leinen – ging plötzlich nicht mehr mit der Zeit. Mit dem Verbot der Haustürgeschäfte, über die Leinenstoffe oft angeboten wurden, brach auch diese Vertriebsmöglichkeit weg.

Heute erfährt das Gewebe neben anderen pflanzlichen Naturstoffen wieder einen Aufschwung. Umweltfreundlichere, nachhaltigere Alternativen zur Baumwolle werden gesucht und Flachs ist solch eine Alternative. Die Pflanze ist weitaus genügsamer, anpassungsfähiger und wächst auch in unseren Breitengraden. Selbst für den konventionellen Anbau werden kaum bis gar keine Pestizide oder Dünger benötigt. Dies ist ein großer Unterschied zur empfindlichen Baumwollpflanze.

Herstellung

Anbau und Ernte

Der Gemeine Lein oder Flachs kommt vor allem am östlichen Mittelmeer, Westasien und in Indien vor, ist allerdings sehr anpassungsfähig und ließ sich auch für den Anbau im milderen Klima Europas kultivieren, z. B. für Holland, Deutschland oder Irland. Deutschland war im 12. und 13. Jahrhundert sogar weltweit führend im Flachsanbau, heute wird Faserlein hauptsächlich in Russland, China, Südamerika, der Türkei, Polen, Tschechien oder den USA angebaut. Beim Anbau wird zwischen Faserlein und Öllein unterschieden. Eine höhere Bestandsdichte beeinflusst beispielsweise eher die Faserbildung. Neben den robusten Flachsfasern verfügt der Lein auch über Samen, die als Nahrungsmittel dienen. Leinsaat oder daraus gepresstes Leinöl gelten als gesund und anregend auf die Verdauung; Leinöl hat trocknende Eigenschaften und wird zur Herstellung von Farben, Lacken, Schmierseifen, Linoleum, etc. verwendet.

Flachs hat kaum Ansprüche an den Boden, nur Staunässe verträgt die Pflanze nicht. Sie braucht lange Sonnentage und muss deshalb früh gesät werden. Gegenüber wildwachsender Konkurrenz ist Flachs in den ersten Jahren ebenfalls durchsetzungsfähig, weshalb kaum Pestizide eingesetzt werden müssen. Die relativ kurze Wachstumszeit von 100 bis 130 Tagen macht Flachs zu einer ertragreichen Pflanze.

Faserlein wird nicht gemäht, sondern gerauft, also mit der Wurzel ausgerissen, um die Fasern nicht zu beschädigen. Anschließend erfolgt die Tauröste oder Rotte. Hierzu wird das Stroh zum Trocknen auf dem Feld liegengelassen, sodass die Epidermis der Stängel aufreißt. Durch die Taufeuchte dringen Bakterien und Pilze in die Stängel ein und lösen die Bindungen zwischen den Faserbündeln und dem umliegenden Gewebe. Dieses Verfahren ist umweltfreundlich und hat positive Auswirkungen auf den Anbau, da hierdurch Nährstoffe wieder in den Ackerboden zurück gelangen. In einigen wärmeren Anbaugebieten wird auch mit Warmwasser geröstet.

Gewinnung und Verarbeitung

Nach der Röste wird das Flachsstroh wieder getrocknet und zur Fasergewinnung in die Schwingerei gebracht. Dort wird das Stroh gebrochen und der Holzkern in kleine Stücke (Schäben) zerkleinert. Beim Schwingen werden die Schäben vom Flachs getrennt. Auch kurze Flachsfasern, Schwungwerg, lösen sich dabei heraus. Die Flachsfasern werden nun gehechelt und parallel liegend weiter gereinigt. Diese Langfasern werden zu Zöpfen gedreht und anschließend in die Spinnerei gebracht. Die Kurzfasern dienen vor allem der Weiterverarbeitung für technische Zwecke, können allerdings auch als Flockenbast ähnlich wie Baumwolle versponnen werden.

Die Leinenfasern zählen zu den sogenannten Bastfasern, da sie aus den Stängeln gewonnen werden. Im Gegensatz zu den einzelnen, kurzen Samenfasern der Baumwolle bilden sich beim Lein Bastfaserbündel, die zwischen 50 und 90 Zentimeter lang sind. Diese Bastfasern lassen sich beim Lein sehr gut in noch feinere Stränge zerteilen und man kann sogar die sehr feinen, sogenannten Elementarfasern herauslösen, die nur einen Durchmesser von etwa 6 Nanometern haben, aber noch bis zu 6 Zentimeter lang sein können. Früher wurden schädliche Laugen dazu verwendet, inzwischen kommen sanftere Methoden, wie Dampf, zum Einsatz.

Die Langfasern werden zu einem Band vereinigt, mehrfach gestreckt und anschließend nass versponnen. Kurzfasern werden zuerst durch Kardieren zu einem Vlies und schließlich zu einem Band verarbeitet. Dieses Band wird gekämmt, gestreckt und trocken versponnen. Die Leinengarne sind zwar rau, fühlen sich allerdings weich an.

In der Weberei werden die Garne in der klassischen Leinwandbindung zu Stoffen verwebt. Seltenere Bindungsarten sind Jacquard oder Köper. Die Kettfäden für das Weben müssen aus einem sehr gleichmäßigen Garn bestehen, da sie sonst zu oft reißen würden. Leinen ist zwar robust, aber sehr anfällig gegenüber Scheuerbelastung. Lange Zeit war das Weben von Leinen eine Handarbeit, die vor allem als Heimarbeit auf dem Lande praktiziert wurde – und das bis ins 20. Jahrhundert hinein. Im Gegensatz dazu war die Tuchherstellung, also Wollweberei, eine maschinelle Angelegenheit in den Städten.

Es gibt verschiedene Leinenqualitäten, von denen einige heutzutage kaum noch hergestellt werden:

  • Reines Leinen, auch Flachsleinwand
  • Halbhedeleinen oder halbflächsenes Leinen: aus Langfaserflachs und Werg
  • Halbleinen: aus Baumwolle und Leinen
  • Halblaken: mit Flachsgarn als Kette und Werggarn als Schuss
  • Irisches Leinen: mit Baumwolle als Kette und Flachsgarn als Schuss
  • Hausleinwand: von Hand gewebt
  • Weißgarnleinwand oder Löwentlinnen: aus gebleichtem Garn
  • Wergleinwand oder Hedeleinen: aus Garn aus Hechelwerg
  • Hanfleinwand: aus Hanfgarn in Leinwandbindung, kein echtes Leinen