Seide

Seide ist die einzig bekannte natürliche Endlosfaser. Sie wird aus Kokons der Seidenspinner, einer Faltergattung, gesponnen und ist damit eine tierische Faser. Ein Kokon kann bis zu 1000 Meter Faden enthalten. Die Technik stammt aus dem alten China und ist bereits etwa 5000 Jahre alt. Noch heute ist China der weltweit führende Produzent von Seidengarnen und Seidenstoffen. Seide ist eine sehr robuste Faser, die Textilien daraus müssen jedoch überaus pfleglich behandelt werden, damit sie lange halten. Aufgrund ihrer antistatischen, weichen und atmungsaktiven Eigenschaften sind Seidenstoffe sehr für Allergiker und Menschen mit Hautproblemen zu empfehlen.

Materialeigenschaften

Das zarte Äußere der Seide täuscht. Seidenfasern sind die stärksten natürlichen Textilfasern. Bei richtiger Pflege sind sie langlebig und widerstandsfähig. Trotzdem ist Seide sehr leicht, denn die Fasern haben nur eine geringe Dichte. Der matte Glanz und die Robustheit sind allerdings nicht die einzigen besonderen Eigenschaften der Seide.

Die glatten, widerstandsfähigen Fasern machen es Staub und anderen Allergenen schwer, sich anzuheften. Damit ist Seidenstoff besonders hypoallergen und eignet sich hervorragend als Bettwäsche oder auch Bekleidung für Allergiker und Menschen mit Hautproblemen.

Seide kann bis zu einem Drittel ihres Gewichtes an Flüssigkeit aufnehmen und gibt sie auch schnell wieder ab. Das Gewebe ist damit sehr atmungsaktiv und wirkt im Sommer angenehm kühl und im Winter wärmend.

Seide nimmt Naturfarbstoffe sehr gut auf, ist daher aber auch besonders empfindlich und anfällig für Wasser- oder Fettflecken. Trotz ihrer Robustheit reagiert Seide empfindlich auf Abrieb oder hohe Temperaturen, weshalb eine besonders schonende Pflege notwendig ist.

Verschiedene Webtechniken und Behandlungen der Seidenfäden lassen unterschiedliche Gewebetypen entstehen:

  • Chiffon oder auch Gaze: Sehr leichter, durchsichtiger Stoff mit unregelmäßiger Oberfläche und "sandigem" Griff. Für leichte Tücher und Sommerblusen geeignet.
  • Satin oder Atlas: Schweres Gewebe mit Atlasbindung, wodurch eine stark glänzende, glatt-kühle Oberfläche und matte Unterseite entsteht. Der schwere Duchesse Satin wird vor allem für festliche Kleider verwendet, während der leichtere Crêpe Satin wegen seiner glatt-kühlen Griffigkeit für Unterwäsche, Miederwaren, Innenfutter oder auch für Bettwäsche genutzt wird. Satin kann auch aus anderen Fasern wie Baumwolle, Polyester oder Viskose gewebt werden.
  • Taft: Mattes Leinwandgewebe aus Seide oder Kunstfasern mit feinen Querrippen oder Karos. Im 19. Jahrhundert beliebter Stoff für Kleider.
  • Waschseide: Industriell vorgewaschen, wodurch ein Knittereffekt wie von getragener Kleidung erzielt wird.
  • Organza: Sehr feiner, durchsichtiger und empfindlicher Stoff aus Organsinseide oder synthetischen Fasern. Wird vor allem für Dekorationszwecke verwendet.
  • Crêpe de Chine oder Chinakrepp: Halbkreppgewebe mit krauser, körniger Oberfläche. Nur einer der Webefäden besteht aus Seide.
  • Brokat: Schweres, festes Atlasgewebe mit Musterung, in das oft Gold- oder Silberfäden eingearbeitet werden. Seidenbrokat besteht aus reiner Seide und ist höchstens für Tapeten und für edle Gewänder geeignet. Unter Adeligen und kirchlichen Würdenträgern war Brokat lange Zeit ein beliebter Bekleidungsstoff. 
  • Samit: Eine der ältesten Arten der Seidenweberei. Stoffe haben wie geritzt aussehende Muster, sowohl einfarbig wie mehrfarbig.
  • Surah: Schwerer Seidenstoff in Köperbindung mit weichem Griff und fließendem Fall. Typisch sind die diagonalen Rippen im Stoff. Ist vor allem für Innenfutter, Tücher und Schals gebräuchlich. Surah kann auch aus anderen Fasern hergestellt werden.
  • Georgette: Ein dünner, schleierartiger Seidenstoff mit Kreppeffekt, der etwas schwerer und weniger durchsichtig als Chiffon ist. Dafür ist er umso haltbarer.

Seide gibt es in unterschiedlichen Qualitäten und Sorten, die mit der Herkunft oder dem Herstellungsverfahren zu tun haben:

  • Bouretteseide: Minderwertige Seide, die im Grobspinnverfahren aus kurzen Fasern und Produktionsresten hergestellt wird. Enthält auch Kokonreste und Seidenleim.
  • Haspelseide: Feine, stark glänzende Seide aus dem meist 1000 Meter langen Endlosfaden des Kokons des Maulbeerspinners.
  • Maulbeerseide: Die hochwertigste Seide aus einem extrem feinen, gleichmäßigen Faden.
  • Dupionseide: Eine Variante der Maulbeerseide, bei der Seide aus den Kokons von zwei Seidenraupen hergestellt wird, entweder Doppel-Kokons oder zwei Einzel-Kokons gemischt, was den Fäden Unregelmäßigkeiten gibt.
  • Chappe- oder Schappeseide: Mattere, weichere Seide aus mittleren Faserlängen bis 15 cm – Chappe – die bei der Produktion abfallen.
  • Pelseide: Minderwertige Rohseide.
  • Soupleseide: Durch Seifenlauge teilweise entbastet (siehe Herstellung).
  • Wildseide: Aus den Kokons von bereits geschlüpften, wilden Schmetterlingen. Der Faden ist in mehrere Teile zerrissen und muss beim Weben verdickt werden, wodurch eine unregelmäßige, noppige Textiloberfläche entsteht. Gute Beispiele für Wildseide sind die Tussahseide des Japanischen Eichenspinners und die Fagaraseide des Atlasspinners.
  • Halbseide: Alle Mischgewebe aus Seide und einer anderen Faser, meistens Baumwolle.
  • Organsin: Ein zwei- oder dreifaches Zwirn, das hauptsächlich als Kettfaden beim Weben verwendet wird.

Pflegehinweise

Seide ist zwar die robusteste Naturfaser, doch die daraus gewebten Stoffe brauchen eine schonende Pflege, um lange zu halten und hochwertig zu bleiben.

  • Die meisten Waschetiketten schlagen eine chemische Reinigung vor. Maschinenwäsche und Trockner verträgt Seide gar nicht!
  • Einige Seidenstoffe lassen sich auch selbst per Handwäsche waschen:

Dazu die Seide in lauwarmem Wasser mit milder Seife oder Seidenshampoo einweichen und leicht hin und her bewegen, nicht reiben oder schrubben.

Dunkle oder bedruckte Seide nur kurz kalt waschen und nicht einweichen!

Nach 5 Minuten mit kaltem Wasser unter Zugabe von 1 Esslöffel Weinessig ausspülen. Alle Seifenreste müssen aus dem Stoff entfernt werden, da er sonst stumpf wird.

Die Seide in ein trockenes Handtuch einrollen. Dunkle oder bedruckte Seide in ein mehrlagig gefaltetes Handtuch einwickeln. Seide niemals auswringen!

Den Stoff flach ausrollen und leicht an den Ecken in Form ziehen. Achtsam umgehen, denn nasse Seide ist sehr empfindlich.

Nun die Seide trocken und glatt bügeln. Beim Lufttrocknen würden nur Wasserflecken und starke Knitterfalten entstehen. Immer von der Rückseite und nie zu heiß. Am besten die niedrigste Temperaturstufe am Bügeleisen wählen.

Folgendes sollte man bei Seide ebenfalls beachten:

  • Nie mit Parfüm, Wasser oder Deo besprühen, das hinterlässt unschöne Flecken.
  • Kein Bleichmittel benutzen, auch keine Bleiche durch Sonnenlicht.
  • Niemals auswringen.
  • Beim Bügeln nicht mit Wasser besprengen, sondern den komplett feuchten Stoff von der  Rückseite bügeln.
  • Flecken nicht direkt mit Wasser behandeln, sondern das Seidenstück sofort komplett mit kaltem Wasser auswaschen. Hartnäckige Flecken mit Spiritus behandeln und mit einem sanften Tuch abtupfen. Fettflecken können mit Talkumpuder betupft werden, das anschließend ausgebürstet wird, und mit einem sanften Fleckentferner behandelt werden. Allerdings ist bei Flecken immer eine chemische Reinigung zu empfehlen, z. B. bei eingetrockneten Wasserflecken.
  • Seide am besten hängend aufbewahren. Falls gefaltet, dann in Stoff oder besser Seidenpapier einschlagen und die Faltung alle paar Wochen ändern. Keine anderen Kleidungsstücke darauflegen.

Herkunft und Entwicklung

Ähnlich wie bei anderen Naturfasern blickt auch die Seidenherstellung auf eine lange Geschichte zurück. Schon im 3. Jahrtausend v. Chr. kannte man im Indus-Tal und im alten China die Methode, aus hauchdünnen Fäden der Kokons der Seidenspinnerraupen Textilien zu weben. Die Indus-Zivilisation verwendete dazu die Kokons wilder Falter, um daraus sogenannte wilde Seide herzustellen.

Im alten China hingegen begann man schon früh mit der Domestizierung von Seidenspinnern allein für die Seidenherstellung. Wie man auf diese Idee gekommen ist, darum ranken sich nur Legenden. Angeblich soll es die Gemahlin des Gelben Kaisers selbst gewesen sein, die die Seidenherstellung entdeckte. Während in Europa Leinen und Wolle zur Herstellung von Kleidung und anderen Textilien verwendet wurden, fertigte man in China die Kleidungsstücke aus Seide und Hanf. Sogar die Krieger der kaiserlichen Armee trugen seidene Rüstungen, da dieser robuste und eng gewebte Stoff Pfeilspitzen nur schwer durchlässt. Das Wissen um die Robustheit dieser hauchfeinen Fasern hat sich bis heute gehalten: Schusssichere Westen werden heutzutage teilweise mit Seide verstärkt.

Über den bestehenden Fernhandel mit dem antiken Mittelmeerraum kamen die seidenen Stoffe über Arabien und Griechenland nach Rom. Hier verdrängte die feinere, chinesische Seide schnell die im Mittelmeerraum hergestellte Koische Seide.

Ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. florierte der Handel mit dem Reich der Mitte über die Seidenstraße. Auf diesem Wege gelangten per Schiff und Kamelkarawanen auch Gewürze und andere rare Waren nach Europa. Das Geheimnis um die Fertigung der feinen Seide wurde lange Zeit im alten China gehütet. Larven oder Eier der Seidenspinner außer Landes zu bringen oder gar die genaue Herstellungsmethode zu verraten, stand unter Todesstrafe.

Erst im 6. Jahrhundert n. Chr. gelang es wohl persischen Händlern, ein paar Eier außer Landes nach Konstantinopel zu schmuggeln. Nun begann auch die Seidenproduktion im Byzantinischen Reich, auf dem Gebiet der heutigen Türkei und in einer Reihe von italienischen Regionen. Teilweise verdanken diese Gebiete ihren Reichtum der Seidenproduktion, wie etwa die norditalienische Stadt Lucca, die im 13. Jahrhundert mechanische, mit Wasserkraft betriebene Seidenzwirbelmühlen verwendete und deren Seidenfärberei in ganz Europa als exquisit galt. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert gab es schließlich auch nördlich der Alpen in Lyon, Zürich und Krefeld wichtige Seidenproduktionsstätten. Französische Seide wurde beliebter als italienische.

Hinsichtlich der Produktionsmenge gilt China als unübertroffen. Noch heute werden 90 % der Rohseide und Textilien in China hergestellt, gefolgt von Indien, Japan, Thailand und Brasilien. Gemessen an der insgesamt hergestellten Menge an Textilfasern macht Seide allerdings weniger als 1 % aus.

Herstellung

Seide wird aus den Kokons gewonnen, in die sich die Raupen der Seidenspinner verpuppen. Die Seidenspinner sind artverwandt mit den in Europa heimischen Nachtfaltern und Motten. Da die meisten Raupen als Nahrung die Blätter der Maulbeerbäume bevorzugen, wird die Seide auch Maulbeerseide genannt. Einige Arten legen ihre Eier auch auf andere Bäume: Die Raupen des Japanischen Eichenseidenspinners fressen zum Beispiel Eichenblätter.

Um qualitativ hochwertige Seide herstellen zu können, müssen die Larven unter speziellen Bedingungen aufgezogen werden. Nachdem sich die Larven etwa vier Wochen lang satt gefressen haben, verpuppen sie sich in einem Kokon aus einem endlosen Faden, den sie mit ihrem Maul produzieren. Solch ein Kokon kann bis zu 300.000 Umwindungen haben und etwa 1.000 Meter lang sein. Nach der Verpuppung endet der Lebenszyklus der Raupen in der Seidenzucht.

  1. Die Kokons werden gesammelt und die Larven mit Hilfe von Heißwasser oder Wasserdampf abgetötet, um ein Zerreißen der Kokons zu verhindern. Der Faden soll intakt bleiben, nur so kann eine durchgehende feine Qualität der Seide garantiert werden. Seide aus Kokons geschlüpfter Falter hat keine einheitliche glatte Oberfläche und wird daher als weniger qualitativ angesehen.
  2. Nach dem Abkochen werden die Kokons sortiert, dabei sind Farbe und Größe der Kokons wichtig für die Qualität des Seidenfadens. Dann werden drei bis acht Kokons gleichzeitig abgewickelt und zu einem Faden verzwirbelt. Aufgrund des Seidenleims kleben die Fäden auf natürlichem Wege zusammen und bilden den Seidenfaden, das sogenannte Grège. Dazu gibt es verschiedene Spinnverfahren, die über das Aussehen und die Qualität des daraus gewebten Seidenstoffes bestimmen.
  3. Anschließend wird die Seide in Seifenwasser gekocht, um sie vom Seidenleim zu befreien, der für die gelbliche Färbung verantwortlich ist. Nach dem Waschen ist die Seide rein Weiß und die Fäden sind geschmeidiger und tragen den typischen Seidenglanz. Je mehr sie ausgekocht wird, desto feiner und glänzender werden der Faden und die daraus gewebten Stoffe. Oft wird die Seide anschließend noch chemisch weiterveredelt und gebleicht.

Da die konventionelle Seidenproduktion das Töten der Larven voraussetzt, sind solche Seidenstoffe bei Tierfreunden weniger beliebt. Wer Wert auf eine tierfreundliche Produktion legt, sollte zu Seidenstoffen aus wilder oder ökologischer Seide greifen, wo die Kokons der bereits geschlüpften Falter verwendet werden. Oder er verwendet seidenähnliche Stoffe, z. B. aus der synthetischen Kunstseide.